Der alten Linde Sang und die Probleme mit Vorhersagen

Linde von Linn (Schweiz) Im Rahmen der immer wieder auftauchenden Diskussion in Konnas Weltuntergang-2012-Beitrag kam auch allgemein das Gespräch auf angebliche Hellseher; „Asgard“ hat u.a. ein Gedicht gepostet, das „Weissagungen“ enthalten soll. Das Thema insgesamt ist durchaus interessant genug, dass ich es hier aus skeptischer Sicht kommentieren will, auch wenn’s lang wird. (Zu anderen „Wahrsagern“ gibt’s ggf. ein anderes Mal mehr.)

Andere Meinungen sind natürlich auch willkommen – besonders wenn sie gut begründet sind… meinen kann und darf man eh viel, aber wenn’s eine Meinung über die Realität sein soll, muss sie sich auch objektiv daran messen lassen.

Asgard präsentierte das Gedicht mit diesen einleitenden Worten:

Der alten Linde Sang von der kommenden Zeit (um 1850)
Das Kernstück der Weissagung ist zweifellos aus der Zeit vor 1900 überliefert.
Eine Untersuchung des Papiers ergab das Jahr 1850. Das Lied von der Linde, aus der Stadt Staffelstein (Passau), könnte aber sogar auf Bartholomäus Holzhauser in das Jahr 1650 zurückgehen

Mal abgesehen davon, dass Staffelstein (Ort der Linde, in deren Stamm das Gedicht gefunden worden sein soll) knapp 250 km von Passau (Aufbewahrungsort bis zur Veröffentlichung 1947) entfernt liegt: Wie weiter unten noch zu sehen, wird im Text Hoffung in das 21. Ökumenische Konzil gesetzt, also liegt wohl nahe, dass das Gedicht (oder zumindest dieser Teil) geschrieben wurde, als das 20. Ökumenische Konzil – das 1. Vatikanische Konzil (1869/70) – zumindest einberufen worden war, also frühestens 1868. (Was einen deutlich späteren Termin natürlich auch nicht ausschließt.)

Aber A young Asian woman looks into a crystal ball bevor wir uns dem Gedicht zuwenden, überlegt euch mal kurz: Wenn ihr heute „mit der Gesamtsituation unzufrieden“ seid und warnende Weissagungen mit Happy End verfassen wolltet – was würdet ihr schreiben? Irgendwas mit Islamisten muss vorkommen, überhaupt eine angebliche Gefahr des Islam an sich, eventuell Nordafrika und die arabische Welt, und dass ein einst gemobbter Strahlemann (oder ein Nachfolger in seinem Geiste) das Land zurück zu seinen „christlichen Werten“ und zu neuem Glanz führen wird, zu mehr Gerechtigkeit und Wohlstand für alle trotz asiatischer Konkurrenz, und die negativen Auswirkungen des Klimawandels – etwa schwere Überschwemmungen, die gibt’s ja immer wieder, mit denen kann sich das Publikum identifizieren – werden nebenbei auch erledigt, und (ganz tagesaktuell) auch Katastrophen wie schwere Erdbeben überstanden. Und vielleicht wird der Strahlemann sogar noch Papst.^^

Wäre vor ein paar Jahrzehnten während des Kalten Krieges nicht die Angst vor einem russischen Einmarsch und dem 3. Weltkrieg das beherrschende Thema gewesen – in den Grundzügen übereinstimmend bei mehreren Personen?

Und was hätte wohl ein Monarchiefan des späten 19. oder frühen 20. Jahrhunderts geschrieben, der vor derselben Aufgabe stand?

Doch nun zum – nicht gerade kurzen – Gedicht; wem’s zu lang wird, der kann ja ganz nach unten bis zum gähnenden Mann springen. Der Beginn ist eine Lobhudelei für die Linde, auf die man nicht groß eingehen muss:

Alte Linde bei der heiligen Klamm
Ehrfurchtsvoll betast’ ich deinen Stamm,
Karl den Großen hast du schon gesehn,
Wenn der Größte kommt, wirst du noch stehn.
 
Dreißig Ellen mißt dein breiter Saum,
Aller deutschen Lande ält’ster Baum,
Kriege, Hunger schautest, Seuchennot,
Neues Leben wieder, neuen Tod.
 
Schon seit langer Zeit dein Stamm ist hohl,
Roß und Reiter bargest einst du wohl,
Bis die Kluft dir sacht mit milder Hand
Breiten Reif um deine Stirne wand.
 
Bild und Buch nicht schildern deine Kron’,
Alle Äste hast verloren schon
Bis zum letzten Paar, das mächtig zweigt,
Blätter freudig in die Lüfte steigt.
 
Alte Linde, die du alles weißt,
Teil uns gütig mit von deinem Geist,
Send ins Werden deinen Seherblick
Künde Deutschlands und der Welt Geschick!

Inwiefern ein Baum tatsächlich allwissend sein kann, sei mal dahingestellt. :) Dass eine Linde über 1000 Jahre alt werden kann (Karl der Große wurde ja im Jahr 800 zum Kaiser gekrönt), ist jedenfalls nicht ausgeschlossen.

Großer Kaiser Karl in Rom geweiht,
Eckstein sollst du bleiben deutscher Zeit,
Hundertsechzig, sieben Jahre Frist,
Deutschland bis ins Mark getroffen ist.
 
Fremden Völkern front dein Sohn als Knecht,
Tut und läßt, was ihren Sklaven recht,
Grausam hat zerrissen Feindeshand
Eines Blutes, einer Sprache Band.

Was genau heißt „Hundertsechzig, sieben Jahre Frist“? Die übliche Deutung ist anscheinend „160 Sieben-Jahres-Fristen“, also eine poetische Form in seltsamer Rechtschreibung, um 160*7=1120 Jahre auszudrückenn; +800 wäre also 1920. Durchaus naheliegend, dass jemand, der ein prophetisch-warnendes Gedicht schreibt, sich auf die nahe Zukunft bezieht – oder dass dieser Text tatsächlich erst nach 1920 entstanden ist. Eine bessere Deutung dieser Zeile fällt mir jedenfalls nicht ein.

Die Behauptung „Das Kernstück der Weissagung ist zweifellos aus der Zeit vor 1900 überliefert“ findet sich auf vielen Seiten, die dieses Gedicht anbieten, teils auch ausführlicher: es soll sich nachweislich seit der Zeit vor 1900 in Besitz der Passauer Familie befunden haben. Ein anderes, vollständiges Exemplar (mit Anfang und Ende; der Hauptteil – welche Strophen aber genau? – soll gleich sein) habe eine Leserin der 1950er Veröffentlichung 1926 bekommen.

Nehmen wir mal an, hier ist tatsächlich 1920 gemeint. Der 1. Weltkrieg (1914-1918) war gerade vorbei (und wäre ein einschneidenderer Termin gewesen), aber immerhin trat der 1919 festgelegte Versailler Vertrag tatsächlich Anfang 1920 in Kraft. Doch wurde da – und nicht schon 1914-18 – Deutschland wirklich „ins Mark getroffen“? Kann man die Gebietsverluste als „grausames Zerreißen“ sehen? Können sich Wahrsager nicht zur Abwechslung mal verständlich ausdrücken?

Ist es also eine echte Weissagung? Vielleicht. Immerhin mit möglicher Jahreszahl. Aber ansonsten poetisch herumgeredet. Aber einmal ist keinmal:
Ist es ein Zufallstreffer? Vielleicht. Neben 1920 passen auch 1918, 1945, 1866 (Ende des Deutschen Bundes), bei der damaligen Lage insgesamt war die Chance für sowas gar nicht schlecht. Auf jeden Fall muss man auch noch die Nieten berücksichtigen, denn eine vorhergesagte Schwalbe macht noch keinen Sommer, wenn alle anderen Vögel noch mit Wintermützen herumfliegen. Und sogar eine Comedyshow kann in ihren „Nachrichten aus der Zukunft“ einen Zufallstreffer landen – wer viel vorhersagt, trifft fast zwangsläufig1 eben ab und zu ins Schwarze. Comedians lachen darüber, Möchtegern-Seher malen eine Zielscheibe drumrum.
Oder wurde dieser Text erst nach 1920 geschrieben? Vielleicht. Wie sicher ist denn die Angabe „vor 1900″, wenn alles erst viel später veröffentlicht wurde (und die zweite Quelle sogar selbst erst ein Jahr nach 1920 angibt)?

Nun, wenn noch mehr triftige Prophezeiungen kommen, die eindeutig nach der Veröffentlichung, aber vor heute liegen und hinreichend konkret sind, muss hier wirklich ein wahrer Wahrsager am Werk gewesen sein. Aber ihr könnt es euch schon denken: Das ist nicht der Fall.

Zehre, Magen, zehr vom deutschen Saft,
Bis mit einmal endet deine Kraft,
Krankt das Herz, siecht ganzer Körper hin,
Deutschlands Elend ist der Welt Ruin.

Klar, für einen Deutschen ist Deutschland wichtig. Eine konkrete Weissagung ist das aber genauso wenig wie einem schwachen, kranken Krankenhauspatienten zu sagen, dass er auch schon mal fitter war.

Ernten schwinden, doch die Kriege nicht,
Und der Bruder gegen Bruder ficht,
Mit der Sens’ und Schaufel sich bewehrt,
Wenn verloren Flint’ und Schwert.

Ja, Kriege gab’s schon lange und wird’s bestimmt noch lange geben – auch wenn’s seit dem letzten in Deutschland zum Glück schon eine Weile her ist. Dafür brauch ich aber keine alte Linde, um vor sowas zu warnen.

Arme werden reich des Geldes rasch,
Doch der rasche Reichtum wird zu Asch’,
Ärmer alle mit dem größern Schatz.
Minder Menschen, enger noch der Platz.

In ersteres kann man eine Inflation reininterpretieren – sowas gab’s in den 1920er Jahren durchaus. Und auch schon im Dreißigjährigen Krieg. Kann man ja mal vorhersagen – oder hinterher beschreiben.

„tausendjährige“ Linde in Grottenthal bei Neukirchen-Balbini, Bayern Dass weniger Menschen – vgl. unten? – auf noch weniger Platz zusammendrängen, kann man auch hinbiegen, wie man will: Vielgestaltige Katastrophen, die große Landstriche unbewohnbar machen? Dezimierte Deutsche in einem noch mehr verkleinerten Land? Such dir was aus. Der Gläubige wird immer etwas finden, das ihm schön erscheint, und als Bestätigung für die Vorhersage sehen – wie auch ein Astrologe immer etwas im Horoskop findet, mit dem er immer hinterher, aber nie vorher erklären kann, warum etwas genau so eintreten musste; wie auch der Horoskopleser immer vieles findet, das scheinbar auf ihn zutrifft. Und beiden sei angeraten, mal kritisch darüber nachzudenken, warum diese Beliebigkeit nicht sinnvoll ist, wenn man herausfinden will, ob etwas wirklich eine passende Beschreibung der Realität ist oder nicht…

Da die Herrscherthrone abgeschafft,
Wird das Herrschen Spiel und Leidenschaft,
Bis der Tag kommt, wo sich glaubt verdammt,
Wer berufen wird zu einem Amt.

Die Monarchie endete hierzulande 1918. Selbst wenn dieser Text älter sein sollte, ist das angesichts der Französischen Revolution eine Vorhersage mit recht guter Chance, in aus Sicht des Autors naher Zukunft einzutreffen. So sehr wie Guttenberg und Co. immer an ihren Ämtern hängen, ist der zweite Teil jedenfalls sicher noch nicht eingetreten…

Andere Interpretatoren wie etwa in diesem Forenbeitrag mögen das anders sehen: „gilt zwar schon immer wieder seit Einführung der Demokratie als Staatsform, aber ist im Angesicht leerer Staatskassen heute so aktuell wie nie zuvor in der Geschichte!“ – doch das ist genau das Problem: es ist und bleibt die Interpretation von ungenauen „Prophezeiungen“, die man sich bei Bedarf immer als passend hinbiegen kann, aber nicht sollte, wenn’s einem darum geht, stichhaltige Belege für echte Prophezeiungen zu finden. Etwas, das zu schwammig ist, kann eben nicht stichhaltig sein.

Bauer keifert, bis zum Wendetag,
All sein Müh’n ins Wasser nur ein Schlag,
Mahnwort fällt auf Wüstensand,
Hörer findet nur der Unverstand.

Der Thread in o.a. Forenfred – pardon, andersrum ;) – ist so typisch prophezeiungs­gläubig­dreist, dies so zu deuten: „Bis 1990 war der „Wendetag“ nicht zu deuten, jetzt wissen wir was da gemeint war!“ Doch wie kann er sich da sicher sein? Gab es nicht auch u.a. 1848, 1871, 1918, 1933, 1945, 1949 Wendetage, egal ob das Wort „Wende“ dabei populär ist oder nicht? Was ist mit den Jahrhundertwenden 1900 und 2000? „Wendetag“ ist eben genauso offen für alle späteren Interpretationen und die Bewunderung durch unkritische Gläubige wie ach so vieles bei Nostradamus und unzähligen anderen „Sehern“.

Wer die meisten Sünden hat,
Fühlt als Richter sich und höchster Rat,
Raucht das Blut wird wilder nur das Tier,
Raub zur Arbeit wird und Mord zur Gier.

Auch im 19. Jahrhundert konnte man die gesellschaftliche Entwicklung pessimistisch sehen.

Rom zerhaut wie Vieh die Priesterschar,
Schonet nicht den Greis im Silberhaar,
Über Leichen muß der Höchste fliehn
Und verfolgt von Ort zu Orte ziehn.
 
Gottverlassen scheint er, ist es nicht,
Felsenfest im Glauben, treu der Pflicht,
Leistet auch in Not er nicht Verzicht,
Bringt den Gottesstreit vors nah’ Gericht.

Selbst wenn man das zuvor auf die Gegenwart bezieht – ich glaube nicht, dass diese dramatische Schilderung in dieser Strophe von (vermutlich) der Flucht des Papstes durch Aufstände in Rom schon geschehen ist. (Und komme mir jetzt bitte niemand, der das auf die ach so aggressiven „neuen Atheisten“ bezieht…)

Winter kommt, drei Tage Finsternis.
Blitz und Donner und der Erde Riß,
Bet’ daheim, verlasse nicht das Haus!
Auch am Fenster schaue nicht den Graus!

Lava am Kilauea Katastrophale Endzeitphantasien sind nichts Neues, auch der Johannes mit seiner Apokalypse war nicht der erste. Wer will, kann das und das Folgende auf heftige Vulkanausbrüche beziehen, wenn man nicht gleich hollywoodmäßig die ganze Erde zerreißen lassen will. Und ein Verfasser des 19. Jahrhunderts kann gut den Ausbruch des Tambora 1815 – dem stärksten seit vielen Tausend Jahren – mit dem „Jahr ohne Sommer“ 1816 in Erinnerung gehabt oder von Zeitgenossen erfahren haben, ggf. auch den des Krakatau 1883.

Eine Kerze gibt die ganze Zeit allein,
Wofern sie brennen will, dir Schein.
Gift’ger Odem dringt aus Staubesnacht,
Schwarze Seuche, schlimmste Menschenschlacht.
 
Gleiches allen Erdgebor’nen droht,
Doch die Guten sterben sel’gen Tod.
Viel Getreue bleiben wunderbar
Frei von Atemkrampf und Pestgefahr.

Kann man als Auswirkungen von Vulkanasche und -gasen lesen – aber auch wenn’s Seuchen à la Pest sind, es ist wieder ein unspezifisches, aber mögliches Ereignis, das jeder, der ein bisschen von der Welt bzw. der Geschichte kennt, „vorhersagen“ kann in der Hoffnung, in den Augen der Nachwelt als großer Seher zu gelten, wenn diese etwas gefunden hat, das sie hineindeuten kann. Und wenn die Zeitangabe fehlt oder sehr ungenau ist, wird’s bei solchen Ereignissen, die höchstwahrscheinlich irgendwann irgendwo eh passieren, auch viel Gelegenheit dafür geben, ganz ohne dass man sich großartig verbiegen muss.

Den „Auserwählten“, den Guten und Getreuen zu schmeicheln und ihnen einen scheinbaren, scheinheiligen Trost zu verschaffen, ist in der esoterischen und religiösen Welt auch weit verbreitet. (Und verachtenswert, weil das allen anderen ein falsches „selbst schuld!“ anheftet.)

Eine große Stadt der Schlamm verschlingt,
Eine andere mit dem Feuer ringt,
Alle Städte werden totenstill,
Auf dem Wiener Stephansplatz wächst Dill.

Für Erdrutsche und Großbrände gilt auch das eben Gesagte. Und wenn’s schon ’ne große Katastrophe geben soll – siehe nächste Strophe – tja, dann müssen auch bekannte Städte dran glauben, das erhöht auch die Identifierungsmöglichkeiten der Leser. Muss ich denn nochmal erwähnen, dass auch dies eine nutzlose, weil schlam-, äh, schwammige Vorhersage ist?

Zählst du alle Menschen auf der Welt,
Wirst du finden, daß ein Drittel fehlt,
Was noch übrig, schau in jedes Land,
Hat zur Hälft’ verloren den Verstand.

Ein Drittel der Menschheit stirbt? Ist ja nett. Bzw. im Gegenteil. Aber nett als „Prophezeiung“. Wobei: immerhin haben wir mal wieder eine Zahl, die man überprüfen könnte, wenn denn mal so etwas passiert – auch wenn „ein Drittel“ eine ziemlich grobe Zahl ist, die man bei Bedarf in gewissem Rahmen hinbiegen kann. ’ne Jahreszahl wäre wohl zu viel verlangt gewesen, liebe „Linde“?

Wie im Sturm ein steuerloses Schiff,
Preisgegeben einem jeden Riff,
Schwankt herum der Eintags-Herrscherschwarm,
Macht die Bürger ärmer noch als arm.

Ja, diese bösen Politiker und Machthaber…!

Denn des Elends einz’ger Hoffnungsstern
Eines bessern Tags ist endlos fern.
»Heiland, sende den du senden mußt!«
Tönt es angstvoll aus der Menschen Brust.

Wenn von Schlimmem du getroffen,
Statt auf göttlichen Beistand zu hoffen
Fass dein Schicksal lieber selber an!
Gott noch nie hat wirklich was getan.

Das waren jetzt vier Zeilen von mir. Und die sind sicher bessere Ratschläge als solche „hellsichtigen“ Pseudo-Warnungen. (» Dazu passender Cartoon und Witz (engl.).)

Nimmt die Erde plötzlich andern Lauf,
Steigt ein neuer Hoffnungsstern herauf?
»Alles ist verloren!« hier’s noch klingt,
»Alles ist gerettet«, Wien schon singt.
 
Ja, von Osten kommt der starke Held,
Ordnung bringend der verwirrten Welt.
Weiße Blumen um das Herz des Herrn,
Seinem Rufe folgt der Wackre gern.

Ich gehe mal nicht davon aus, dass mit dem Lauf der Erde so ein Schmarrn mit Polsprung, veränderter Erdrotation o.ä. gemeint ist, wie ihn neumodische Spinner gerne verbreiten (auch und gerade zu 2012). Das ganze klingt eher danach, dass man auf einen Retter aus Wien (ich dachte, da wächst nur noch Dill?) oder östlich davon hofft. Naja, schön – ob’s nun ein neuer österreichischer Kaiser ist oder sonstwas, eine „weisgesagte“ Rettung nach einer „weisgesagten“ Katastrophe macht sich halt gut. Aber nur weil es sich literarisch inhaltlich gut macht, wird daraus noch keine „echte Weissagung“.

Alle Störer er zu Paaren treibt,
Deutschem Reiche deutsches Recht er schreibt,
Bunter Fremdling, unwillkommner Gast,
Flieh die Flur, die du gepflügt nicht hast.

Ausländerfeindlichkeit ist eben auch keine Erfindung erst des 20. Jahrhunderts.

Gottes Held, ein unzertrennlich Band
Schmiedest du um alles deutsche Land.
Den Verbannten führest du nach Rom,
Große Kaiserweihe schaut ein Dom.

Tja, die Hoffnung auf einen strahlenden deutschen Kaiser mag in einer Zeit, in der es solch überflüssigen Hoch- und Niederadel noch gab oder er (je nachdem, wann das Gedicht entstand) im Niedergang oder gerade abgeschafft war, für Ewiggestrige ja eine große Hoffnung gewesen sein. Stattgefunden hat davon aber nichts. (Oder sollen wir Helmut Kohl noch schnell zum Kaiser krönen? ;) ) Weissagung? Echt jetzt??

Preis dem einundzwanzigsten Konzil,
Das den Völkern weist ihr höchstes Ziel,
Und durch strengen Lebenssatz verbürgt,
Daß nun reich und arm sich nicht mehr würgt.

Petersdom Wie eingangs schon erwähnt, gab’s 1869/70 das 20. Konzil. Außer der Unfehlbarkeit des Papstes hat es eigentlich nicht viel erreicht, sodass die, die eine strengere, machtvollere Kirche und ein Zurückdrängen der Säkularisation wünschen – falls das hier der Fall sein sollte –, auf das nächste hoffen. (Doch ob ausgerechnet die reiche katholische Kirche den Zwist zwischen Arm und Reich verhindern können soll?) War wohl nix, denn zum einen ging das 2. Vaticanum ja eher in Richtung Öffnung, Lockerung, zum anderen hat „die Linde“ die Chance verpasst, hier mal zu einer konkreten Veranstaltung endlich konkrete Jahreszahlen vorherzusagen!

Inwiefern sich das – und alles andere – auf die Ideen von Holzhauser im Zuge der Gegenreformation als Folge des 19. Konzils im 16. Jahrhundert beziehen mag, spielt eigentlich keine Rolle. Und wäre noch mehr unnötige Spekulation. Dass Holzhauser konkreter war und sein spekulativer Epigone alles wieder vage gemacht hat, kann ich mir nun wirklich nicht vorstellen…

Deutscher Nam’, du littest schwer,
Wieder glänzt um dich die alte Ehr’,
Wächst um den verschlung’nen Doppelast,
Dessen Schatten sucht gar mancher Gast.
 
Dantes und Cervantes welscher Laut
Schon dem deutschen Kinde ist vertraut,
Und am Tiber wie am Ebrostrand
Liegt der braune Freund vom Herrmannsland.

Hermann der Cherusker wurde seit Anfang des 19. Jahrhunderts immer mehr zu einer deutschen Symbolfigur. Ist der Freund jetzt einfach braungebrannt, wenn er in Italien und Spanien Urlaub macht, oder bezieht sich das schon auf die politische Farbe Braun?

Wurde die denn schon vor 1920 so verwendet? Und wenn nicht: Angesichts des ganzen Rests – und dass das ein früheres Zielpublikum nichts mit der Farbe anfangen könnte – ist das eher ein weiteres Zeichen für eine spätere Entstehung dieses Gedichts bzw. dieser Strophe als eine echte Prophezeiung.

Wenn der engelgleiche Völkerhirt’
Wie Antonius zum Wandrer wird,
Den Verirrten barfuß Predigt hält,
Neuer Frühling lacht der ganzen Welt.
 
Alle Kirchen einig und vereint,
Einer Herde einz’ger Hirt’ erscheint.
Halbmond mählich weicht dem Kreuze ganz,
Schwarzes Land erstrahlt in Glaubensglanz.
 
Reiche Ernten schau’ ich jedes Jahr,
Weiser Männer eine große Schar,
Seuch’ und Kriegen ist die Welt entrückt,
Wer die Zeit erlebt, ist hoch beglückt.
 
Dieses kündet deutschem Mann und Kind
Leidend mit dem Land die alte Lind’,
Daß der Hochmut macht das Maß nicht voll,
Der Gerechte nicht verzweifeln soll!

Eigentlich nur noch das übliche Utopie-Geschwafel, die Hoffnung auf ein neues Goldenes Zeitalter – in diesem Fall aus deutschnational-monarchistisch-christlicher Sicht –, bla bla, aber Achtung, nicht übertreiben, bla. Bla! Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Wer sowas wirklich für eine konkrete Weissagung hält, für einen Beweis, dass es echte Seher gibt, ist, mit Verlaub, ziemlich naiv und viel zu unkritisch. Aber genau das ist der Trick der „Seher“: Versprich den Leuten etwas Gutes nach einer Zeit des Leidens, und sie wollen glauben…

Was bleibt also am Ende? gähnender Mann Nur ein kleines bisschen halbwegs Konkretes, vielleicht passend oder passend machbar (1920; aber mit nicht 100%ig gesicherter früherer Entstehungszeit, da es ja erst später veröffentlicht wurde), teils nicht (Konzil), und viel typisch Schwammiges, zeitlich unkonkret und beliebig interpretierbar und vielfach auf eine erst apokalyptische, dann utopische Zukunft gerichtet, die definitiv noch nicht eingetreten ist. Da kann ich das ganze Gedicht wirklich nicht als eine „echte Weissagung“ des 19. Jahrhunderts ernstnehmen, eine Entstehung der konkreteren Punkte nach 1920 scheint mir wahrscheinlicher.

Und selbst wenn tatsächlich ein Zufallstreffer einer echten Vorhersage dabei sein sollte – es gibt eben viel zu vieles, das nicht passt oder zu ungenau ist. Wer jemanden, der hinreichend kritisch denkt, von Weissagungen überzeugen will, muss wesentlich mehr leisten und konkrete, wirklich überprüfbare Aussagen liefern. Geht angeblich nicht, die „Visionen“ seien nur allgemeiner? Dann sind sie wertlos, denn wer etwas, das man auf alle möglichen Ereignisse beziehen kann, vage vorhersagt, der sagt im Prinzip nichts vorher. Also:

Kein „Blitz und Donner und der Erde Riß“, „gift’ger Odem“ und „Staubesnacht,“ sondern „Vulkan X bricht an Tag Y mit Stärke/Auswirkungen Z aus“.

Kein, um über das Gedicht hinauszugehen, jahrzehntelanges „die Russen werden in Deutschland einmarschieren und den 3. Weltkrieg auslösen“, was viele Leute sicher im Kalten Krieg gefürchtet und alpgeträumt haben, sondern genaue Tage, Orte und Umstände – und nicht immer die Termine hinausschieben, sodass man sich bestenfalls „vorbereitet“ fühlen kann auf ein Ereignis, das jahrzehntelang „bald“ stattfinden sollte, aber nie stattfand.

Kein „könnte dieses oder könnte was ganz anderes bedeuten“ und „günstigenfalls recht wahrscheinliche Trends“, liebe Astrologen, und gleichzeitig sich weigern, Wahrscheinlichkeiten zu berechnen und Statistik zu akzeptieren.

Und keine simplen sich selbst erfüllenden Prophezeiungen, keine Allgemeinplätze, kein Wiederkäuen von Nachrichtenmeldungen.

 

Konkret. Keine Binsenweisheiten. Überprüfbar. Und Fehlschläge nicht unter den Teppich kehren. Das wäre nötig. Aber bisher hat das noch kein Wahrsager, Seher, Prophet, Astrologe oder Ähnliches geschafft.

 


Siehe auch:


Fotos: Stefan Wernli (Wikipedia), CC-by-sa-Lizenztomas del amo/FotoliaMGorges (Wikipedia), CC-by-sa-LizenzUSGS (public domain)Andreas Tille (Wikipedia), CC-by-sa-LizenzJoseph Ducreux, ca. 1783

 


  1. d.h. mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit []
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8 Kommentare

  1. Dieser Artikel war der bisher schlechteste Beitrag zum
    Thema „Lindenlied“ den ich jemals gelesen habe.

    • Na wenn du meinst. Kannst du das auch begründen? Evtl. Fehler, falls welche vorhanden sind, benennen und belegen? Oder passt dir einfach nicht, dass ich nicht an diesen Prophezeiungskram glaube?

  2. (Gravatar)

    Es ist ziemlich ungehörig, eine persönlich geäußerte Empfindung, die zudem ausdrücklich als freie Meinungsäußerung und nicht als Tatsachenbehauptung erkennbar ist, derart zu verunglimpfen. Zudem die Aussage noch nicht einmal als persönliches Werturteil zu verstehen ist, denn genauso gut könnte es sein, dass der Kommentator bisher noch nie etwas vom „lindenlied“ gelesen hat. In diesem Sinne hätte er auch sagen können, dass dies der beste Beitrag sei, den er bisher über dieses Thema gelesen hat. Du aber fasst seine Reaktion als Majestätsbeleidigung auf, gerade so, als ob dir vorgeworfen worden wäre, dies sei der überhaupt schlechteste Beitrag zur Deutschen Geschichte seit 1945 gewesen.

    • Das ist, mit Verlaub, Unsinn. Wenn er/sie nie etwas zuvor gelesen hätte, wäre seine/ihre Aussage zwar halbwegs witzig, aber sinnlos. Ich verunglimpfe hier auch nichts und sehe das nicht als Beleidigung. Aber diese simple Aussage ist so substanzlos, dass sie praktisch wertlos ist, wenn „Anonym“ sie nicht genauer ausführt.
      (Oder wolltest du jetzt witzig sein?)

  3. (Gravatar)

    Wer wird sich denn sonst noch über das „lindenlied“ auslassen? Etwa HartzVller, angebliche Computerexperten oder TokioHotel-Blogs? Nein, das sind renommierte Historiker, Sprachwissenschaftler und vielleicht noch Theologen die sich mit sowas beschäftigen, weil die sich halt mit soetwas auskennen. Glauben Sie wirklich, dass Sie als (bestenfalls) Hobbyhistoriker da Ihren Senf dazu geben sollten und dieser dann (für andere)noch gehaltvoller als der von Experten abgesonderte sein sollte. Persönliche Vorlieben kann jeder äußern, aber niemand hat das Recht diese zu bewerten oder zu kommentieren.

    • Glaubst du echt, nur „renommierte Historiker, Sprachwissenschaftler und vielleicht noch Theologen“ lassen sich übers „Lindenlied“ aus? Was glaubst du denn, wie viele Leute über diese – und andere, ähnliche – Themen in diversen Foren schreiben! (Ein Beitrag ist ja auch oben verlinkt.) Und da sind wahrscheinlich (und erfahrungsgemäß) alle möglichen Berufsgruppen vertreten – vielfach Privatleute mit Interesse, teils mit Wissen, aber ohne berufliche Qualifikation fürs Thema.

      Wenn ich inhaltlich Unsinn geschrieben habe oder es diskussionswürdige Punkte gibt, können wir ja gern drüber diskutieren – auch gern unter Bezug auf Fachliteratur/-meinungen –, aber für die Themenwahl auf meinem Blog lass ich mir nicht von jemandem wie dir unbegründete Vorhaltungen oder Vorschriften machen oder mich dafür kritisieren, keine Fachausbildung für alle Themen zu haben (dann könntest du das halbe Internet schließen, wenn du sowas wolltest); wenn’s dir nicht passt, zwingt dich ja keiner zum Lesen.

      Persönliche Vorlieben kann jeder äußern, aber niemand hat das Recht diese zu bewerten oder zu kommentieren.

      Hä? Meinst du das jetzt ernsthaft so, wie’s dasteht? Wenn jemand meint „find ich blöd“, soll keiner sagen „find ich nicht“ oder „warum? was genau?“? Dann hast du echt seltsame Vorstellungen…

      (Kennst du eigentlich das hier schon…?)

  4. (Gravatar)

    Zu Ihrem Text: Weissagungen waren beileibe nicht immer nur Projektionen von bereits erkannten Gefahren auf die Zukunft. Es gab genug Seher (Stichwort: Alois Irlmaier), die zukünftige Entwicklungen, vorweggenommen haben. z.B. zu Ihrem im Text genannten Stichwort Islamismus sagte er schon 1950(!) : Am Rhein sehe ich einen Halbmond, der alles verschlingen will. „Die Hörner der Sichel wollen sich schließen. Was das bedeutet, weiß ich nicht.“Die Hellsichtigkeit von Alois Irlmaier wurde sogar gerichtlich anerkannt (Wikipedia). Alois Irlmaier konnte sagen, ob Vermisste schon tot waren oder noch lebten. Seinen eigenen Tod sah er auch voraus. „Seine Angaben über Tote und Lebendige, vergangene und künftige Ereignisse erzielten e

    • Wenn Irlmaiers Prophezeiungen doch nur ordentlich dokumentiert wären – mitsamt aller Fehlschläge! Und objektiv bewertet anstatt durch beeindruckte Zeugen, so dass Cold Reading (oder schlichtes Wissen/Vermutung/Klatsch, was bei der Frau des Richters m.E. nicht auszuschließen ist) und Confirmation Bias so weit wie möglich ausgeschlossen wären. Und nicht so viele Aussagen so wahrsagertypisch schwammig wären, dass man hinterher alles zu beliebigen Zeiten hineininterpretieren kann. Gut, ich kenn jetzt nicht alle Literatur über ihn, aber nach dem, was ich kenne, gibt’s eben all diese Probleme. Und so überzeugt auch er mich – und andere Skeptiker – eben nicht.

      Das „Voraussehen“ des eigenen Todes nach einer Aktion (dem Marienkapellenbau), bei der er selbst entscheidet, ob/wann er damit beginnt, ist banalerweise bestenfalls eine selbsterfüllende Prophezeiung…

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