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Esoterik

„Dem Jenseits auf der Spur“ – oder auch nicht

Lichttunnel Erst macht Rolf Froböse Werbung auf WELT Online für sein Buch „Die geheime Physik des Zufalls. Quantenphänomene und Schicksal“ im Verlag Books on Demand, auf dessen wissenschaftlich anscheinend mehr als zweifelhaften Gehalt Ulrich Berger schon eingegangen war und Kamenin eine wissenschaftlich fundierte „Einführung in Quantenphysik, Verschränkung und die Lügen der Esoterik“ geschrieben hatte – nun stößt die aktuelle Ausgabe der Fernseh-Illustrierten Hörzu (Nr. 20 vom 9.5.2008) ins selbe Horn und macht mit einem (leider nicht online verfügbaren) Artikel Werbung für „Lucy im Licht – dem Jenseits auf der Spur“ von Markolf H. NiemzInhaltstext; Website zum Buch), das offenbar ein ähnliches Thema zum Inhalt hat (ich habe die beiden Bücher nicht selbst gelesen, dafür ist mir mein Geld und meine Zeit doch zu schade):

Für viele Religionen steht ein „Leben nach dem Tod“ außer Frage. Inzwischen sind jedoch selbst Physiker davon überzeugt — es gibt sogar erste experimentelle Beweise

Nun, das hätten sie wohl gern…

Markolf Niemz, der auch schon in TV und Radio seine „Theorien“, seinen Glauben verbreiten durfte (ich erinnere mich an einen Auftritt in SWR1 Leute vor Ostern – auch als Podcast (28 Min.) zu hören), ist zwar Physiker „mit Lehrstuhl für Medizintechnik an der Universtität Heidelberg“, aber weder auf der Website zum Buch noch in seinem Wikipedia-Artikel finde ich irgendwelche Erfahrungen im Bereich der Relativitäts- und Quantentheorie erwähnt.

Was man dann, wie ich finde, nicht zuletzt schön in seltsamen Analogien wie dieser zu Nahtod-Erfahrungen sieht:

„Übereinstimmend berichten die Menschen, sie seien mit einer extrem hohen Geschwindigkeit durch einen Tunnel gerauscht und am Ende auf ein gleißendes Licht zugesteuert. Eine überraschende Parallele zur Relativitätstheorie: Die sagt nämlich voraus, wenn man mit Lichtgeschwindigkeit unterwegs ist, fliegt man durch einen dunklen Tunnel auf ein helles Licht zu – und Raum und Zeit hören auf.“ Die logische Schlussfolgerung: „Geist, Seele, wie immer man es nennen mag, existieren in einem für uns (noch) nicht fassbaren Bereich der Welt oder des Universums auf ewig weiter.“

Logik Welch bestechende Logik! Mit gleichem Recht könnte man doch sagen: Die Sonne ist blendend hell und erzeugt diese Helligkeit durch Kernfusion. Eine (starke) Taschenlampe ist auch blendend hell. Die logische Schlussfolgerung: Eine Taschenlampe funktioniert mit Kernfusion. Oder umgekehrt, die Sonne funktioniert mit Batterien. In diesen „Folgerungen“ sehe ich gar noch mehr Kausalität als in obigem Zitat…

Oder: (Entscheidende) Fußballspiele gehen gern in die Verlängerung. Spammer sagen, jeder Penis braucht eine Verlängerung. Die logische Schlussfolgerung: Fußballspieler existieren als E-Mails in einem (noch) nicht fassbaren Bereich des Internets auf ewig weiter. ;)

Oder: Blüten blühen auf der Wiese und auf Bäumen. Blüten findet man im Geldbeutel (wenn man Pech hat). Die logische Schlussfolgerung: Wenn Blumen verwelken, werden sie zu Falschgeld.

Absurd? Ja! Aber auch absurder als obiges Zitat aus dem Niemz-Artikel …?

Weiter im Text. Dem zu o.a. SWR1-Sendung, in diesem Fall; dort heißt es:

Viele Indizien, sagt Niemz, sprechen dafür, dass die Seele bei Eintritt des Todes auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wird.

Was übrigens nicht einfach eine übermäßig vereinfachende, unzutreffende Zusammenfassung der SWR-Redaktion ist, sondern auch in der Sendung gesagt wird.

faith Nun bin ich kein Physiker, sondern nur ein Tellerwäscher wissenschaftlich interessierter Laie, also mögen mich die Experten gegebenenfalls korrigieren, aber soviel ich weiß, gibt es in dieser Hinsicht zwei Sorten von Teilchen, aus denen wir, die Erde etc. bestehen bzw. die für Wechselwirkungen nötig sind: solche ohne Ruhemasse, die sich immer mit Lichtgeschwindigkeit bewegen und niemals langsamer (Photonen, also die Lichtteilchen), und solche mit Ruhemasse (Elektronen, Hadronen, etc.), die immer langsamer sind und sich niemals auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen lassen (weil dafür unendlich viel Energie nötig wäre). Also wenn Niemz & Co. schon gern die Seele solcherart in Relativität und Quanten begründet erklären wollen, sollten sie diese Gegebenheiten bitte nicht außer Acht lassen, mithin generell mehr wissenschaftliche Sorgfalt walten lassen. Aber, nun gut, dann müssten sie auf solche publikumswirksamen Aussagen verzichten…

Niemz bedauert auch (in der SWR1-Sendung), dass „die Esoterik einen negativen Touch bekommen“ hat – tja, warum wohl? – und sein „Ziel ist es schon, auf wissenschaftlichem Boden zu bleiben“. Kein allzu fester Boden, finde ich. „Alles, was Lucy schreibt, steht nicht im Widerspruch zur heutigen Naturwisseschaft“? Nun ja, vielleicht in Bezug auf sein Verständnis der Naturwissenschaft…

Hierzu ein wie ich finde wunderbar passendes Zitat aus einem Kommentar von Lars Fischer auf dem Brainlog Psychologie des Alltags:

Ich vermute, das ist einfach wieder der bekannte Deppen-Syllogismus: Ich verstehe nichts von der Seele und ich verstehe nichts von Quantenmechanik, also müssen beide was miteinander zu tun haben.

blue fibers Die Verschränkung von Elementarteilchen, der Welle-Teilchen-Dualismus und „Quanteneigenschaften“ des Gehirns – im Hörzu-Artikel natürlich genauso noch angesprochen, einem bunt gemischten Eintopf gleich, wie auch Froböse und sein Buch noch zitiert werden – bilden in der Phantasie solcher Autoren offenbar gerne eine vermeintliche wissenschaftliche Grundlage für ein angebliches Jenseits, eine Seele, Telepathie und ähnliches. Dazu eine Prise tatsächliche, seriöse Experimente wie z.B. die von Anton Zeilinger zur Quantenverschränkung, die diese Gedanken bestätigen sollen – dies aber höchstens durch reichlich „selektive Wahrnehmung“, bei näherem Hinschauen in der gebotenen Genauigkeit fielen solche „Theorien“ wohl wie unverschränkte Kartenhäuser in sich zusammen.

Tja, viele Leute wünschen sich eine unsterbliche Seele, ein Jenseits, ein Leben nach dem Tod, und in Ergänzung oder als Ersatz für die großen Religionen und deren kirchliche Organisationen bietet es sich natürlich an, auch auf (pseudo-)wissenschaftlichen Grundlagen aufgebaute Gedankengebäude in Betracht zu ziehen und an die Leute und insbesondere die zahlungswilligen Kunden zu bringen.

Ob nun die Bedienung der Träume und Sehnsüchte der Menschen, eine „Missionierung“ bzw. Überzeugungsversuche oder einfach nur Geldmacherei dahinter stecken mögen, ist dafür letzten Endes unerheblich – wenn die Wissenschaft für die Begründung von Phantastereien missbraucht wird, obwohl sie die behaupteten Grundlagen gar nicht liefert – oder wie Kamenin es formuliert hatte1, „irgendwelche esoterischen, religiösen oder spirituellen Behauptungen im Grunde nur versuchen, Schwachsinn zu verbreiten, wenn sie sich dabei auf das physikalische Phänomen berufen“ –, stört es (nicht nur) mich auf jeden Fall umso mehr.

:arrow: Das passende Schlusswort liefert Niemz‘ eigene Aussage (bei SWR1), die, wiewohl in erster Linie auf die Missionierung durch Kirchen bezogen, auch gut auf seine Werke passt, wie ich finde:

„Also selber kritisch hinterfragen und nachdenken.“

 

  1. Hinweis 5.9.11: Das urspr. Blog ist nicht mehr öffentlich zugänglich, eine offenbar leicht überarbeitete Version des fraglichen Artikels, in der zumindest hier „Schwachsinn“ durch „sehr, sehr weit Hergeholtes“ ersetzt wurde, findet sich bei VIKAS; den Link im 1. Absatz habe ich auch entspr. angepasst. []

Sein oder nicht Sein (4): Astro-Homöopathie mit Flusskrebsen

nackter Rücken Dies ist Teil 4 der Fundstücke aus der Esoterik-Zeitschrift „Sein“, die ich im Zug gefunden hatte (siehe Teil 1, Teil 2, Teil 3) – und lustiger als der vorherige Teil… ;)

Bevor wir richtig loslegen…

Die Wortkombination im Titel bedeutet nicht, dass ich in diesem Beitrag mehrere Themen kombiniere – nein, dies ist allen Ernstes das Thema dieses einseitigen Artikels, um den es diesmal geht, geschrieben von einem Homöopathen namens Werner Baumeister.

Und exakt dieser entzückende Rücken, der rechts zu sehen ist (© Elena Vdovina – Fotolia.com [Partner-Link]), dient auch jenem Artikel als Aufmacher (mit fast der Hälfte der Seitenhöhe) mit der Bildunterschrift „Wenn der Panzer weg ist: verletzlich, ungeschützt, hilflos…“ – oder dachtet ihr, ich würde jetzt grundlos nackte Haut zeigen? ;)

Worum geht’s?

Open Hearts
Astacus, die Entpanzerung des Flusskrebses
Homöopathie für die Sollbruchstellen unseres Lebens

So auch der Titel einer Abendveranstaltung, die dieser Homöopath mit einer Astrologin zusammen veranstaltete (bzw. mit diesem Artikel auch beworben hatte, er stammt ja aus dem März-Heft).

Zu Beginn werden gleich potentiell viele Leute „persönlich“ angesprochen – machen ja auch Zeitungshoroskope und diverse andere Esoteriker so –, Leute, die sich „entpanzert, bloßgelegt, nackt, ungeschützt, wehrlos, ausgeliefert“ fühlen mögen, was „in einer Zeit massiver Umbrüche“ vielen von uns – ja, „von uns“, der Autor bezieht sich mit ein, das hilft ja, vermeintliches Vertrauen aufzubauen – so gehen mag (Hervorhebungen von mir):

Selbstzweifel, düstere Zukunftsgedanken, Verzweiflung, Angst, verletzt zu werden, und der Wunsch, sich bei anderen zu versichern, macht uns in diesem dünnhäutigen Zustand zu willkommenen Opfern für allerlei selbsternannte Hellseher und halbseidene Zukunftsdeuter.

Wie recht er doch hat – nur „vergisst“ er, denke ich, in seiner Liste noch allerlei Astrologen, Homöopathen, Astro-Homöopathen und diverse andere Esoterik-Phantasten…

Der Flusskrebs

Flusskrebse wie der Edelkrebs bzw. Europäische Flusskrebs (Astacus astacus; » Wikipedia) müssen ihre harten Panzer abwerfen, um mit weicher Haut wachsen zu können, bis sich nach Wochen wieder ein Panzer gebildet hat. Wenn man Analogien sucht für Umbrüche im Leben, sind solche Tiere sicher nicht abwegig.

Aber warum sich mit einfachen Analogien aufhalten? Da ist doch mehr drin! Machen wir doch ein „Mittelchen“ draus, irgendwer wird’s uns schon glauben – oder wir glauben’s gar selber –, wir müssen uns ja an keine seriöse Wissenschaft halten! Dieser Eindruck drängt sich mir hier jedenfalls auf:

Homöopathisch hilft uns Astacus, der Flusskrebs, wenn ein Gefühl der Schutzlosigkeit, des Ausgeliefertseins, im Vordergrund steht.

Hey, hilft dann auch eine Prise Sägemehl, aufgelöst in einem Schwimmbecken, oder vielleicht Regenwasser, das von einem Ast tropft, wenn man ein Brett vor dem Kopf hat?

Oder sind Zombies in Horrorfilmen deswegen so gerne hinter Gehirnen her, weil das gegen schwindendes Denkvermögen hilft? :mrgreen:

Die Astrologie kommt ins Spiel

Warum sich mit einer abstrusen Psychologie–Tier–Heilmittel-Kombination aufhalten, wenn wir doch zwei Pseudowissenschaften zum Preis von einer haben können? Also flugs die Planeten mit ins Bett holen:

Astro-homöopathisch sind dies die Momente, wo Uranus, der Befreier und Bombenwerfer, plötzlich mit seiner Sprengkraft auf unsere saturnischen Verkrustungen trifft. Analog zum Flusskrebspanzer repräsentiert Saturn feste Körperstrkturen wie die Knochen, den Bewegungsapparat und natürlich die Haut als Schutzorgan.

Saturn-Zeichnung Also dient verdünnter Flusskrebs jetzt als Schutzschild vor Bombenexplosionen? Oder baut wieder einen auf, wenn er weggespengt wurde, in der Hoffnung, dass die weiche Schicht darunter unbeschadet blieb? Erzähl das mal Landminenopfern, die werden sich aber freuen. Ach nein, im Zweifelsfall ist das ja alles nur als Analogie, als Symbolik zu verstehen, schon klar. :roll:

Der Artikel schwafelt dann nur allgemein weiter von Angst und Möglichkeiten (und dem Flusskrebs). Aber spinnen wir das doch selber mal weiter:
:bigsmile:

Soll derjenige, der Angst hat, sich an der spitzen Sichel des Mondes zu pieksen, einen kleinen Krümel Käse kraftvoll kauen, den Wallace & Gromit mitgebracht haben?

Macht Mars, der rote Planet, süchtig nach Mars, dem Schokoriegel, und hilft dagegen eine Prise gemahlene rote Paprika aufgelöst in so viel Wasser, wie in Hebes Chasma, den tiefsten Mars-Canyon, passt?

Wenn Neptun, benannt nach dem römischen Gott der Meere, uns durch seinen fließenden Einfluss zu überfluten sucht, nun, hülfe dunn ün, äh, dann in Wasser aufgelöstes Wasser?

Droht Pluto, benannt nach dem Gott der Unterwelt, erst 1930 entdeckt und seit 2006 offiziell kein „richtiger“ Planet mehr, auch unsere Erfolge zu beenden, uns zu „Eintagsfliegen“ zu machen, und hilft dann grob geriebenes Geister-Gewebe gegen diese Gefahr?

Wem fallen noch mehr Absurditäten ein? Aber nicht in Esoterik- und Astrologie-Büchern oder -Webseiten spicken! ;)


Linktipps:

Sein oder nicht Sein (3): Bewegungsfluss ohne Textfluss

Teil 3 der Fundstücke aus der Esoterik-Zeitschrift „Sein“, die ich im Zug gefunden hatte (siehe Teil 1, Teil 2)…

In besagter Zeitschrift lag auch ein Faltblatt des „Netzwerk Kinesiologie Berlin-Brandenburg“ über „Kinesiologie“, die „Lehre vom Energiefluss“, auch unter der Bezeichnung „Edu-Kinestetik“ zu finden, besonders wenn es sich auf die Pädagogik bezieht.

Dieses Faltblatt, das übrigens tatsächlich so unscharf gedruckt ist wie in den folgenden Scans zu sehen, zeigt nicht nur die eklatanten wissenschaftlichen Mängel, auf die ich gleich noch zu sprechen komme, sondern auch, dass sie noch etwas mit ihrem Faltblattgestaltungsprogramm üben sollten, denn sowohl hier auf der Rückseite fehlt etwas…:

Kinesiologie-Flyer 1

… als auch hier im Innenteil an doch recht passender Stelle: :mrgreen:

Kinesiologie-Flyer 2

Fragt sich, ob das ganze dadurch inhaltlich an (Un-)Sinn gewonnen oder verloren hat. ;)

Okay, um was für einen Quark handelt es sich dabei? Zitat aus dem auf der GWUP-Themenseite Edu-Kinestetik herunterladbaren Info-Dokument (PDF), alle Hervorhebungen von mir:

Dreh- und Angelpunkt der Edu-Kinestetik sind körpernahe Behandlungstechniken (sog. Korrekturen), die beim Menschen angewandt angeblich viele positive Wirkungen erzielen können. Dabei werden vor allem positive Effekte für den (schul)pädagogischen Bereich bzw. bei Kindern versprochen, wie etwa die Beseitigung von Lernschwierigkeiten, Hyperaktivität und Ängsten, vermehrte Leistungssteigerungen oder eine „Erweiterung des Gehirnpotentials“. […]

Edu-Kinestetik beruht im Wesentlichen auf vorwissenschaftlichen, religiös motivierten mystischen Erklärungen, die der Traditionellen Chinesischen Medizin, einem archaischen Medizinsystem, entlehnt sind. Die Idee von der kosmischen Energie und von Meridianen entspricht also esoterischen Vorstellungen, die nicht durch wissenschaftliche Erkenntnis erworben, sondern aus Glaubenssystemen erwachsen sind. Edu-Kinestetik geht mit diesen Annahmen […] völlig an heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Anatomie und Physiologie des menschlichen Körpers vorbei.

therapaed (via GWUP-Seite) schreibt zum „Muskeltest“, der auch im Faltblatt betont wird:

Diagnostischer Mittelpunkt der „(Angewandten) Kinesiologie“ ist der vom US-Chiropraktiker George Goodheart von älteren Verfahren abgekupferte sogenannte „Muskeltest“. Die dieser esoterischen Gauklerübung unterstellten physiologischen Gründe sind wissenschaftlich völlig unhaltbar. […] „Edu-Kinestetik“, eine auf den Ideen der Kinesiologie beruhende Gymnastikform, macht aus den unsinnigen Annahmen und kruden Diagnosen der Kinesiologie ein Geschäftsmodell, das an sich völlig wirkungslose Bewegungsübungen zur Therapie erklärt.

Lesenswert auch die Zusammenfassung bei Wolfgang Hund (via GWUP-Seite) – Auszug:

[Kurse:] Um „Lehrender“ zu werden wird vor allem zunächst ein entsprechendes finanzielles Polster benötigt. Später kommen die anfänglichen Auslagen durch die zum Teil unverschämt hohen Kursgebühren der „Lernenden“ leicht wieder herein. […] Die raffinierte Vermarktungsstrategie wird durch die Schaffung eines Markenbewusstseins deutlich, die in der Übertragung des Wortes „Edu-Kinestetik“ etwa auf einfache Bewegungsübungen erfolgt.

Die Persönlichkeiten des Lehrenden und „Behandelten“ werden vernachlässigt. […] „Therapiert“ wird das Kind als Einzelperson ohne Berücksichtigung z.B. sämtlicher häuslicher Faktoren oder anderer Beziehungsprobleme. […] Der erhobene Anspruch auf „Ganzheit“ (ein wie „Energie“ ebenfalls missbrauchtes Modewort) wird dadurch eben nicht erreicht.

Unter Umständen erfolgt ein starker Realitätsverlust bei den Konsumenten bis hin zu pathologischen Zügen.

Eine starke Abhängigkeit des Konsumenten vom Anbieter („Gurutum“) bzw. der Technik kann entstehen.

„Die Muskeltestung ist rein subjektiv und kann manipuliert werden. Die wechselnde Muskelspannung ist abhängig von der psychischen Stimmung und der suggestiven Beziehung zwischen Helfer und Patient. […] Dagegen haben zwei Kontrollstudien, die in amerikanischen Kliniken durchgeführt wurden, und eine deutsche Studie keine der behaupteten Zusammenhänge entdecken können. Fazit der Harvard – Universität: ‚Angewandte Kinesiologie erweckt den Eindruck eines Salontricks.‘“ (Stiftung Warentest, „Die Andere Medizin“, 1996)


» Weiter zu Teil 4 – es wird wieder lustiger. ;)

Sein oder nicht Sein (2): Berufe und Berufungen

Teil 2 der Fundstücke aus der Esoterik-Zeitschrift „Sein“, die ich im Zug gefunden hatte (siehe Teil 1)…

Berufsbezeichnungen

Berufsbezeichnungen sind natürlich auch außerhalb der Esoterik-Ecke mitunter seltsam – was aber kein Grund ist, diese hier nicht zu nennen:

  • Fangen wir banal an: „Heilpraktiker“ ist oft vertreten – genauso wie Kurse, um die gesetzlichen Bestimmungen, die diese geschützte Berufsbezeichnung erfordert, zu lernen und einzuhalten (Wikipedia). Was natürlich noch nichts über die Wirksamkeit esoterischer Methoden aussagt…
  • „Biopraktiker/in“ (in der Naturheilkunde) ist hingegen keine geschützte Berufsbezeichnung, will aber trotzdem irgendwie gut klingen…
  • „Heilerin und Channel“ sowie „Hellseherin & Chirosophin, Hexenzauberschule“ sind natürlich schon „etwas“ abgehoben. Oder eingegraben, Kanal und so. :P
  • Autoritäten machen sich immer gut, und die Zielgruppe kennt sie vielleicht sogar: „Prana-Lehrerin und zertifizierte Anwenderin durch Sri Sai Cholleti und Master Choa Kok Sui ausgebildet und autorisiert“. Wenn nicht, auch egal, gut genug klingt’s jedenfalls, oder? ;)
  • Genauso wie hohe Berufsverbände – hey, die Dame muss dann etwas Besonderes, etwas Seriöses sein: „Heilpraktikerin für Psychotherapie, Mitglied im Dachverband für Geistiges Heilen“.
  • Interessiert das hier überhaupt jemanden?
  • Fremdwörter und Fachbegriffe sind auch ein Muss – wundert mich eh, dass hier noch so vieles auf deutsch ist: „Alpha Chi Consultant, spirituelle Beraterin, energetisches Feng Shui“.
  • Dramatisch! Gestalterisch! Sehr speziell! Aber, äh, was ist das genau? „Gestalt- und Psychodramatherapeutin“
  • Quantität will zusätzlich beeindrucken: „Heilpraktikerin für Tiefenkörperpsychotherapie, Persönlichkeitstrainerin, Heilerin, Chakrenclearing und erfahrene Workshop-Leiterin“.

Methoden und Veranstaltungen

  • Faltiges Gesicht wie ein Mops? Genug von Botox-Injektionen? Wie wär’s dann mit „Energetischem Facelifting“ mit einer schamanistischen Methode, durch die „die alten Speicherungen der Zellen abfließen“?
  • Und hinterher gleich ein „TransVision“-Wochenende mit „Intensivworkshop Fehlsichtigkeit“ für schlappe 260€ buchen, die Augen werden’s danken. Oder auch nicht, vor allem beim unveränderten Blick auf den nächsten Kontoauszug.
  • Wenn wir schon beim Sehen sind – warum sich auf zwei Augen beschränken? Die „Clairvision School“ bietet das „Erwecken des Dritten Auges“! Oder warum nicht mit der „MimoSonanzMethode“ „das im Unbewussten Verborgene über den Körper direkt sicht- und erlebbar machen“, zum „Einführungspreis“ von 190€? Verglichen mit einem „Journey Intensiv Wochenende“ zum „Zugang zu unserem wahren Selbst“ für 495€ ist das doch noch preiswert billig!
  • Die Aura zu kurz kommen lassen? Nicht doch: „Aura- u. Energieseminar“ 134€, „Heilenergie Magenta“: „Magenta-Seminar mit Einweihung“ 134€, ein Schnäppchen! Und das ganz ohne Telekom!
  • Es werde Licht! Licht ist immer gut! (Naja, wenn’s nicht zuviel ist wie vorhin, als die Sonne auf den Monitor knallte.) Doch ob man nach dem Kurs namens „Das neue Lichtgewand anlegen“ nachts noch gut schlafen kann? Es könnte wenigstens Stromkosten sparen helfen. ;)
  • Man kann’s natürlich noch gründlicher machen: mit einer ganzen Seminarreihe der „Lichtkörper-Ausbildung mit Omron“! Aber bitte Energiesparlampe statt Glühbirne, ja? :lol: Apropos gründlich: dessen Websitechen könnte eine gründliche Modernisierung und inhaltliche Vervollständigung brauchen. Und Preisangaben – aber man setzt wohl eher auf den direkten Kontakt, denn wenn man seine interessierten Kunden erstmal kennt, kann man sie leichter ins weitere Geldausgeben hineinquatschen; ist jedenfalls meine Meinung/Vermutung…
  • Let’s dance! Workshop für Männer: „Deinen Sohn tanzen“! Nein, keine Sperma-Beeinflussung, um das Geschlecht des danach gezeugten Kindes festzulegen, sondern: „In jeder Seele ist ein männlicher Teil, der nichts weiter will als Freiheit. Ist das der Sohnanteil in uns?“ :lol:
  • Zum krönenden Abschluss: „Astrologie Ausbildung 2008 des Fachverbandes Deutscher Heilpraktiker – Die Kunst der Wesens-Schau“, „7 Intensiv-Wochenend-Seminare“ zu je 180€ vom „‚Haus- und Hofastrologen‘ der Samuel-Hahnemann-Schule“. Moment, Heilpraktiker und Astrologie?? Offensichtlich wollen einige der unwissenschaftlichen unter den Heilpraktikern noch anderes Unwissenschaftliches kennenlernen…

:!: Eine Warnung noch an alle Esoterik-Heilungs-Interessierten, zitiert von der GWUP-Themenseite Paramedizin:

Bei unkonventionellen Verfahren besteht die Gefahr, dass durch ihre Anwendung Patienten zu Schaden kommen. Hier sind einerseits direkte Schäden zu befürchten […] Zum anderen liegen aber Gefahren darin, dass wirksame Behandlungsmethoden versäumt werden, weil man sich auf ungeeignete Verfahren verlässt, und darin, dass falsche Diagnosen gestellt werden und so Patienten geängstigt und durch inadäquate Behandlung gefährdet werden.

Und zuviel Geld sollte man natürlich auch nicht ausgeben, wie ich in Teil 1 ja schon geschrieben hatte…


» Weiter zu Teil 3…

Sein oder nicht Sein (1): Lachen, weinen oder kopfschütteln?

Oder ein bisschen von allem – passt wohl am besten, denn:

Wenn einer eine Reise tut, so kann er… mitunter im Netz am Vordersitz im Zug seltsame Zeitschriften finden, z.B. eine kostenlose Esoterik-Zeitschrift aus Berlin namens „SEIN“ (auch im Internet vertreten), bei dessen näherem Anschauen man sich wirklich fragt, ob man angesichts einer solchen Ansammlung an Artikeln und Anzeigen lachen, weinen oder den Kopf schütteln soll – oder sich freuen, Material fürs Blog gefunden zu haben, das, wie ich finde, schon von alleine mitunter so kurios-absurd ist (obwohl es sich selbst ernst nimmt), dass man sich kaum mehr selber darüber lustig machen muss. :mrgreen:

Als Untertitel bzw. generelle Themenangaben werden genannt: „Lebenskunst, Spiritualität, Neue Weltbilder, Gesundheit“. Das Titelthema dieser Ausgabe wirft auch gleich seltsame Ausdrücke in den Raum:

Horizont „Erleuchtung“
Satsang und Deeksha: Zwei Wege – ein Ziel?

Aaah ja. Wie zu lesen, wird einem – kurzgefasst – bei ersterem eingeredet, man wäre keine Person, das Ich gäbe es nicht; letzteres eher gegenteilig und mit „gesünder machender Energieübertragung“. Und letzteres scheint gerade „in“ zu sein, schließlich schreiben ein paar Satsang-Fans pro Deeksha.

Etwa unter dem Titel „Satsang, Deeksha, Lemongrass – ich falle gern auf alles rein“ (diese und alle folgenden Hervorhebungen von mir) – nun, ich habe so meine Zweifel, dass diese Selbsterkenntnis konsequent und fundiert genug ist, um wirklich ein Weg zur Besserung zu sein.

Oder in „Es ist was, es ist“ (ja, das Komma ist so gesetzt – Absicht?):

Wie kommt ein Satsang-Fan zur Deeksha?

Als ich zum ersten Mal von Deeksha hörte, hielt ich das Ganze für einen absurden Witz und unglaublich clevere Vermarktung. Erleuchtung gegen Kohle? So ein ausgemachter Blödsinn! Ich kam aus dem Lachen nicht mehr heraus.

Aber jahrelang (wenn auch pro Sitzung/Lektion offenbar weniger) Geld für den anderen „ausgemachten Blödsinn ausgeben“. So haben wir’s gern. :roll:

Mir blies es buchstäblich das Gehirn weg. […] Und schließlich die Erfahrung kosmischen Bewusstseins. Vor Zeit und Raum. Über Stunden.

Stunden, aha! Also vergänglich. Also nicht erleuchtet. Keine Explosion in die Nicht-Dualität. Auch nicht, als sich Erlebnisse dieser Art häuften.

Das Leben geht weiter. Zuhause kommen neue Höhen, neue Tiefen. Ich bin mehr bei „mir” – obwohl es „mich” ja gar nicht gibt. Ich versuche, meinem Herzen zu folgen. Das Leben macht mit mir, was es will. Um nichts möchte ich die Zeit in Indien missen. Mehr und mehr fühle ich, da ist Gnade. „Ich” gebe Deeksha. Aber da ist ja keiner. Niemand „gibt” dir etwas. Der Verstand begreift es einfach nicht. Aber das Herz weiß:
Es ist richtig.

Und auch das Konto derer, die an diesen „Erleuchtungen“ oder „Erweckungen“ verdienen – wozu sicher auch die Autorin jenes Artikels, „Heilpraktikerin und Meditationslehrerin“, gehört –, findet: Es ist richtig. :P „Zwei Wege [von vielen] – ein Ziel“!

Dieses Dilemma des Verstandes gäbe es überhaupt nicht, wäre er nicht mit dem anderen spirituellen Zweig vorbelastet – aber der Verstand scheint mir bei Esoterik-Jüngern ohnehin, sagen wir, etwas fehlsichtig zu sein…

Ich habe ja nichts dagegen, wenn Leute ihr Geld in Maßen für etwas ausgeben, durch das sie sich besser fühlen, mangelnde wissenschaftliche Grundlagen jenseits psychologischer Wirkung hin oder her. Nur wenn sie sich in Unkosten stürzen, was einige Lehrer und Gurus nur zu oft unterstützen dürften, und sich und eventuell andere in finanzielle Notlage oder emotionale, psychische Abhängigkeit bringen – was natürlich nicht immer der Fall, die Gefahr hingegen selten auszuschließen und zu unterschätzen ist –, geht es zu weit.

Auch wenn der Drang, das ganze Esoterische und Spirituelle kritisch zu hinterfragen, bei Anhängern und Interessierten eher schwach ausgeprägt sein dürfte, möchte ich doch genau dies empfehlen.


PS: Wie die „1“ im Titel schon andeutet, wird es hier in nächster Zeit noch zwei, drei weitere Fundstücke aus diesem „Absurditätenkabinett“ geben. ;)

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