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Gewalt

Imagine there’s no countries
It isn’t hard to do
Nothing to kill or die for
And no religion too
Imagine all the people
Living life in peace…

John Lennon – Imagine

„Der Islam“?

Zu der Diskussion, ob Gewalttaten wie die in Paris Teil „des Islams“ sind, eine kleine Meinungs­äußerung meinerseits:

„Den Islam“ gibt es so gar nicht. Genausowenig wie „das Christentum“, „den Buddhismus“ etc. Denn es gibt zu viele verschiedene Varianten, Strömungen, Interpretationen, die sich alle auf dieselben jeweiligen Grundlagen berufen, sodass man diese Begriffe höchstens als Sammelbegriff für alle verwenden kann, die sich eben darauf berufen.

Und in diesem Sinne gehören diese Taten des Terrors natürlich zu „dem Islam“, genauso wie Fried­fertigkeit und Liebe; gehören Kreuzzüge und Hexen­verbrennungen genauso zu „dem Christentum“ wie die Nächstenliebe. Da ist es müßig, darüber zu diskutieren, was jetzt der „wahre“ Islam, das „wahre“ Christentum etc. ist, schließlich behaupten alle Seiten dies von sich (und die „heiligen Schriften“ mit ihren viel zu vielen Interpretations­möglichkeiten und inneren Wider­sprüchen bieten ja weitreichende Gelegenheiten dazu). Auch wenn es selbst­verständlich umso begrüßens­werter ist, je mehr Anhänger sich für die menschlicheren, friedlichen und somit besseren Varianten entscheiden.

Und natürlich unterstützen und befürworten genausowenig alle Moslems solche Terroranschläge, alle Christen Hexen­verbrennungen, alle Deutschen, um mal über die Religion hinauszugehen, die Untaten der Nazis, etc., sodass es abwegig ist, gerade von ersteren generell Distanzierung zu fordern. So sinnvoll es aber auch wiederum ist, wenn die jeweiligen Guten darauf einwirken und hinarbeiten, dass die Fragwürdigen und die Bösen keinen Zulauf bekommen – egal ob es jetzt um Moslems gegen islamistische Terroristen, deutsche Bürger gegen Pegida/AfD/sonstige Rechts­populisten oder sonstwas geht.

(Hoffentlich sehen die französischen Hintergrund­farben oben auch in allen Browsern richtig aus…)

Kummer?

Bischof Walter Mixa 2008 In einer Meldung von gestern nennt das Bistum Augsburg1 im Ergebnis der Gespräche „in offener und vertrauensvoller Atmosphäre“ des Priesterrates mit Noch(?)-Bischof Mixa ebendessen knappe Erklärung:

Es tut mir im Herzen weh und leid, dass ich vielen Menschen Kummer bereitet habe. Ich bitte um Verzeihung.

Kummer. Ein Sorgegefühl bzw. Niedergeschlagenheit, synonym zu Angst, Gram, Harm, Hoffnungslosigkeit, Melancholie, Niedergeschlagenheit, Schwermut, Sorge, Trauer. (Wiktionary)

Kummer. Ja, den hat er sicher etlichen Kollegen und Schäfchen bereitet. Die fragwürdige Verwendung einiger Gelder (inwieweit auch immer sich dies schließlich konkret bestätigt) verblasst ein bisschen im Vergleich zu den Aussagen an Ostern, „zu keiner Zeit körperliche Gewalt“ angewendet zu haben – denn m.E. waren das dann offenbar dreiste Lügen angesichts der vor ein paar Tagen zugegebenen Ohrfeigen und/oder Zeugnis eines abartigen Verständnisses von Erziehung und mitmenschlichen Umgangs, das Ohrfeigen als keinerlei Form von Gewalt ansieht.

Kummer? Tut ihm nur der verursachte Kummer leid oder auch die Taten selbst?

Kummer?? Kaum die angemessene Bezeichnung für die Auswirkungen der Watschn selbst, oder? Geschweige denn – sofern die entsprechenden Anschuldigungen in immerhin eidesstattlichen Versicherungen stimmen – für noch heftigere Schläge.

Wäre ich einer der Betroffenen – als direktes früheres Opfer oder auch nur als Elternteil, das Bedenken hat, sein Kind im Beisein Mixas einen dieser mehr ammen- als märchenhaften Initiationsriten durchführen zu lassen –, ich könnte dieses Nicht-Bedauern der Schläge nicht einmal ansatzweise als Entschuldigung anerkennen.

Wie eines der damaligen Heimkinder sagt: „Er will sich retten und im Amt bleiben.“ Scheint mir auch so. Und gleichzeitig scheint mir das Unrechtsbewusstsein bei dieser angeblichen moralischen Instanz hie und da zu schwach ausgeprägt zu sein.


Foto: Dr. Christoph Goldt / Bischöfliche Pressestelle Bistum Augsburg (IBA), aus Wikipedia, CC-by-sa-Lizenz

  1. das übrigens mal seinem Webmaster Bescheid sagen sollte, dass eine Nachrichten-Einzelansicht nicht unbedingt den Seitentitel „Startseite“ haben sollte []

„Vollkommen normal“

Bischof Walter Mixa 2008 Ja ja, auf einmal kann der Augsburger Oberhirte Walter Mixa „die eine oder andere Watschn von vor 20 oder 30 Jahren natürlich nicht ausschließen“ (» Mixa gibt Ohrfeigen zu) – „Die Ermittlungen des Sonderbeauftragten Sebastian Knott zu Prügelvorwürfen haben Tätlichkeiten Mixas als damaliger Stadtpfarrer bestätigt“ (FAZ).

„Das war damals vollkommen normal, und alle Lehrer und Schüler dieser Generation wissen das auch“, meine Mixa weiter. Mag sein – in, äh, gewissen Kreisen vielleicht. Allgemein liegt sowas sicher länger zurück1; zu meiner Schulzeit, die in ebendiesen Zeitraum fällt, hätte sowas schnell Probleme für die Lehrer bedeutet. Aber vielleicht war’s z.B. an katholischen Internaten anders als an normalen öffentlichen Schulen…

Wie dem auch sei: Mal abgesehen davon, dass etwas auch nicht dadurch richtig würde, dass es häufig praktiziert wird, hieß es trotzdem von Mixa an Ostern noch vollmundig:

Die erhobenen Vorwürfe erschüttern mich, weil ich zu keiner Zeit körperliche Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in irgendeiner Form angewandt habe. Gewalt zwischen Menschen lehne ich grundsätzlich ab. Ich bin als Mensch und als Christ fest überzeugt, dass jeder Mensch so behandelt werden muss, wie man selbst behandelt werden möchte.

Mixa will also Ohrfeigen bekommen? Na wo Richard Dawkins nun doch nicht den Papst persönlich verhaften will, wäre das doch eine neue Aufgabe! Wann titelt die Boulevardpresse also „I will slap the Bishop“?2

Aber eines ist in der Tat „vollkommen normal“: Viele derartige Beschuldigte geben – mit gewissen Verzögerungen – nur das zu, was schon anderweitig herausgekommen ist. Was scheinbar umso mehr gilt, je prominenter, eingebildeter und hochmütiger die Person ist.

Und man darf gespannt sein, was als nächstes kommt.


Foto: Dr. Christoph Goldt / Bischöfliche Pressestelle Bistum Augsburg (IBA), aus Wikipedia, CC-by-sa-Lizenz

  1. Anekdote aus der Schulzeit meiner Oma, irgendwann aus der Zeit zwischen den Weltkriegen: Stockschläge auf die Hände (vulgo: Tatzen) für die Aussprache „Zorsiza“ für die damals auch auf deutschen Landkarten „Corsica“ geschriebene Insel. []
  2. Disclaimer: Nein, ich rufe hiermit nicht zu Gewalt auf! []